Sozialdroge Kaffee

Ziegen haben die die stimulierende Wirkung der Kaffeebohnen entdeckt. Wenn es die Ziegen munter macht, so hilft es auch bei unseren langen Gebeten, folgerten die Mönche, denen die Ziegen gehörten. So erzählt es die Legende.

Im Laufe der Geschichte fanden die Anhänger immer mehr Gründe, Kaffee zu lieben. Gleichzeitig wurden aber auch die Gegner immer mehr.

Die ersten schriftlichen Zeugnisse von Kaffee finden sich im 9. und 11. Jahrhundert bei zwei persischen Ärzten: Rhazes (865-923) und Avicenna (980-1037). Beide erwähnen ein Stärkungsmittel, das aus dem Jemen stammt. [1]

Die Früchte der in Äthiopien heimischen Kaffeepflanze wurden zu dieser Zeit jedoch nicht geröstet. Es dauerte noch ein paar hundert Jahre, bis der Aufguss aus geschälten, gerösteten Bohnen entstand. Diese Erfindung sollte jedoch die Welt verändern. Nun war die Droge auch ein Genussmittel - und zwar eines, das man in Gesellschaft genießen wollte. Also begannen Kaffee und Kaffeehaus  ihren Siegeszug um die Welt, zuerst über die arabische Halbinsel bis in die Türkei. 

Unter Soliman dem Großen wurde der Kaffee in Konstantinopel eingeführt (1554), und in öffentlichen Kaffeehäusern, “Schulen der Erkenntnis”, verschenkt. [2]

 

Die rasant steigende Zahl der Kaffee-Liebhaber rief natürlich auch die Gegner auf den Plan. Der Streit, ob dieses Stimulans mit dem Islam vereinbar sei, dauerte viele Jahrzehnte. Aber auch die Kaffeehäuser gaben Anlass zu Gegnerschaft. Die dort entstehenden Ideen und Meinungen passten der Obrigkeit oft nicht. Die Folge waren zahlreiche Verbote von Kaffee und/oder Kaffeehäusern, das erste in Mekka 1511.

Für die damaligen Anhänger der Kaffeekultur scheint der Geschmack eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben.  Aus den zeitgenössischen Beschreibungen der Zubereitung kann man schließen, dass das Gebräu “gewöhnungsbedürftig” war.

Der Engländer George Sandys etwa meldete zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts aus Ägypten und Palästina: "Sie haben zwar keine Schänken, dafür aber ihre Kaffeehäuser, die durchaus ähnlich sind. Da sitzen sie und schwatzen den ganzen Tag, aus kleinen Porzellanschälchen schlürfen sie ein Getränk, das sie Coffa nennen (nach der Beere, aus der es hergestellt ist) und das sie so heiß wie möglich trinken; es ist schwarz wie Ruß und schmeckt auch nicht viel anders." [3]

Anfang des 17. Jahrhundert kam der Kaffee nach Europa.

Die Gegner des Kaffees behaupteten, es sei ein Satansgebräu. Da Muslime keinen Wein trinken dürften, das heilige Getränk der Christen, habe der Teufel sie mit Kaffee bestraft. Doch das letzte Wort hatte der Papst. Ein venezianischer Kaufmann brachte ihm eine Kostprobe, und Clemens soll voller Begeisterung ausgerufen haben: »Es wäre eine Sünde, ein so köstliches Getränk den Ungläubigen zu überlassen.« [4]

Diese folgenreiche Entscheidung trug sich im Jahr 1605 zu. Erstaunlich daran ist nicht nur, dass Papst Clemens VIII alle theologischen Bedenken vom Tisch gewischt hat; erstmals wird auch der Geschmack ein Argument für den Kaffeegenuss. In Europa wurden die Zubereitungen verfeinert. Mit Milch wurde die Bitterkeit maskiert.

 

Getränke dienten wohl schon in grauer Vorzeit als “Schmierstoff” geselliger Zusammenkünfte.  Warum wurde ausgerechnet Kaffee das “Schmiermittel Nr.1”? Es wäre nur logisch, dass sich eine Gesellschaft eben jene Droge aussucht, die das Funktionieren der Gemeinschaft am besten unterstützt. Vielleicht sind es sogar mehr die “soziologischen Wirkungen” als die physiologischen, die den Kaffee so beliebt gemacht haben? Jedenfalls war er schon im 18. Jahrhundert ein unerlässlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens:

Eine unnachlässliche Bedingniss jeder wohlkonditionierten Assemblée ist die Auftragung eines starken Kaffees; und gewiss, wir haben es ausschließlich der Vorliebe unserer Damen für das Exerzitium ihrer Lippen zu verdanken, dass es bei uns nicht bis zur Sitte der Araber gediehen ist, welche bekanntlich bei ihren Besuchen, vor dem getrunkenen Kaffee, wie Pythagoräer schweigen, und kein Wörtchen hören lassen. [5]

Mit Beginn der industriellen Revolution kam ein weiterer Grund dazu, Kaffee zu trinken: Der bis dahin vorherrschende Bierkonsum war der Arbeit an den neuen Maschinen nicht zuträglich. So wurde Kaffee vom Schmiermittel der Gesellschaft zum Schmiermittel der Industrialisierung. [6] Einige Experten - z.B. Michael Pollan [7] -, sagen, dass der Nutzen für die Industrialisierung die Ursache ist, dass Kaffee heute als Lebensmittel gilt und wir ihn ohne Restriktionen genießen können.

 

Das heißt nicht, dass die Gegner im Laufe der Geschichte abhanden gekommen wären. Heute geht es allerdings nicht mehr um Religion oder die revolutionären Idee der Kaffeehausbesucher, sondern um die Gesundheit. Kaffee sei ein “Kulturgift” und Auslöser für eine unüberschaubare Zahl von Krankheiten -- so unüberschaubar wie die Anzahl der Studien Anzahl der Studien. Es gibt praktisch kein Organ und keine Funktion in unserem Körper, das/die nicht auf Koffein-Reaktion getestet wurde. Kaffee ist wahrscheinlich das am meisten untersuchte Lebensmittel überhaupt. Lediglich zu der interessanten Frage, wie sich Kaffee auf unser Sozialverhalten auswirkt, gibt es nur wenig zu lesen.

Ein Experiment in den USA belegt einen überraschenden Zusammenhang zwischen subtilem Wärmeempfinden und Sozialverhalten: Die Versuchsteilnehmer beurteilen andere Personen deutlich positiver und zeigen sich diesen gegenüber auch großzügiger, wenn sie zuvor eine heiße Tasse Kaffee in den Händen hielten. [8]

Man darf aber vermuten, dass sich die Verbesserung von Wachsamkeit und Kurzzeitgedächtnis positiv auf eine Unterhaltung auswirken. Zu diesem Thema sollte am besten jeder seine eigenen Studien durchführen. Eine Anleitung dazu bieten die Erkenntnisse unserer Vorfahren:

Der Kaffeetrank gewinnt hingegen viel an Lieblichkeit, und schmeckt weit besser im gesellschaftlichen Kreise genossen ; denn unsere Freuden werden grösser, wenn ein Freund sie theilt; und schon im grauen Alterthume machte der grosse Aristoteles die psychologische Bemerkung, der Mensch sey ein in so hohen Grade gesellschaftliches Wesen, dass er sich mit seinen Genüssen nicht isoliren kann, ohne sie zu verringern. [9]

Quellen:

(Die Links werden auch als interessante Lektüre empfohlen.)

1) http://www.spektrum.de/magazin/die-alltagsdroge-koffein/829892

2) Kaiserliches Gesundheitsamt (Hrsg.): Der Kaffee - Gemeinfaßliche Darstellung der Gewinnung, Verwertung und Beurteilung des Kaffees und seiner Ersatzstoffe. Berlin 1903

3) Klaus Ungerer: Ohne Kaffee kein Newton. FAZ 6.6.2007 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/ohne-kaffee-kein-newton-1439320.html

4) Tom Standage: Sechs Getränke, die die Welt bewegten. 1. Juli 2006. S 128

5) D. Z. Wertheim: Versuch einer medizinischen Topographie von Wien. 8. Wien 1810. S. 127

6) Alex Kunkel: Kaffee als Schmiermittel der Industrialisierung. http://blog.worldcoffee.info/?p=25

7) Michael Pollan Speaks About Coffee And Tea: https://youtu.be/2KtYJ0c0lCk

8) http://www.welt.de/wissenschaft/article2615825/Waermekontakt-beeinflusst-Gefuehle-und-Verhalten.html

9) Dr. W. Jt. Weitenweber: Der arabische Kaffee, in naturgeschichtlicher, chemischer, diätetischer und ärztlicher Beziehung für Aerzte und Nichtärzte geschildert. Prag 1837. S 71

 

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